Mit Kindern wachsen Achtsamkeit und Dialog
Benedikt Hommel

 

Dialog und Achtsamkeit

 

Gespräch zwischen Herrn Freeman Dhority und Herrn Benedikt Hommel

erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Arbor Verlag, Juli 2012


 

Benedikt Hommel (H):

Du gibst zurzeit ein Seminar im Bildungshaus Villigst bei Schwerte mit dem Titel „Spiritualität und Dialog“. In welchem Zusammenhang stehen „Spiritualität“ und „Dialog“?

Freeman Dhority (D):

Dialog ist ein Kommunikationsmodell, das die Kapazität hat, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen an einem bestimmten Reservoir von Gedanken, Ideen und Theorien teilnehmen können. Man kann sagen, es ist ein Kollektivphänomen. Spiritualität hat etwas mit Verbundenheit zu tun. Dieses Gefühl der Verbundenheit entsteht sehr oft im Dialog. Oft spüren und erleben sich einzelne Menschen als getrennt voneinander. Wenn sie sich durch den Dialogprozess öffnen können, spüren sie, dass sie nicht getrennt und allein sind, sondern im Wesentlichen sehr verbunden. Die Schicksale, die Beispiele, die Gedanken und Probleme, die ich bei anderen höre, erkenne ich bei mir selbst wieder. Sie sind fast wie ein Gemeingut und die Teilnehmer erleben sich nicht mehr so sehr vereinzelt. Spiritualität und Dialog gehen „Hand in Hand“ (englisch „hand in glove“). Es gibt eine Serie von Seminaren zur Dialogvertiefung, die Steffi Dobkowitz und ich entwickelt haben. Für Arbogast, ein Bildungshaus in Südösterreich (Vorarlberg), haben wir sogar drei verschiedene Seminare „Spiritualität und Dialog“ entwickelt. Das Interesse ist sehr groß. Die Plätze hier in Schwerte sind alle besetzt. Es gibt in vielen Menschen einen Hunger, dieses Thema zu erkunden und mehr darüber zu erfahren. Das ist nicht konfessionell bedingt und eingeschränkt, sondern es sind allgemeine Wurzeln und eine Suche nach dem allgemein Menschlichen. 

 

H:

Spiritualität kann ganz unterschiedlich verstanden werden. Der Eine versteht darunter Zen-Meditation, der Nächste esoterische Ideen, wieder ein Anderer die Praxis der christlichen Religionen. Trotzdem sprichst du von gemeinsamen Erfahrungen im Dialog? 

 

D:

Viele, die Dialog praktizieren, sprechen von Erlebnissen, die ich, und viele andere Menschen auch, als spirituelle Qualität sehe. Das ist eine Qualität, die über unsere konditionierten Gedanken, über Bezeichnungen und Etiketten hinaus geht. Sie schafft einen offenen Raum für Sinngebung, so dass wir das Gefühl haben, wir können eine geteilte, gemeinsame Sprache entwickeln.  Sie deutet auch auf letztendliche Wahrheiten hin, und das ist für mich wichtig zu sagen: dass die Hinweise durch die Spiritualität wirklich als Hinweise aufgefasst und verstanden werden und nicht als letztendliche Wahrheiten. Es gibt ein sehr interessantes Zen-Bild, wo ein Zen-Meister mit dem Zeigefinger auf den Mond deutet und darauf hinweist, wie schön der Mond ist. Dabei sagt der Meister: „Bleibe mit deinem Blick nicht bei meinem Zeigefinder hängen, sondern schau hinauf zum Mond. Damit will er sagen: Bleibt mit euren Gedanken nicht bei diesem Meister stecken und denkt: „Ah, dort ist der tolle Meister. Lasst uns seinen Finger studieren.“ Der Kern ist doch, dass wir unsere Lehren und unsere Erfahrungen als Zeigefinger umfunktionieren, so dass der Dialog eine Türschwelle sein kann, eine Öffnung in spirituelle Kontexte.

Es gibt ein Gedicht, das wir in diesem Seminar benutzen. Das Bild in dem Gedicht zeigt, wie wir Menschen uns in unseren Höhlen eingeschlossen haben. Dass wir die Realität nur durch die Ritzen mit Blick in eine andere Höhle wahrnehmen. Dieses Bild zeigt, dass wir irgendwie eingekerkert sind in unseren Gedanken, Konventionen und kulturellen Strukturen. Dass wir alles filtern, wie durch eine Brille. Wir haben nur ganz kleine Ritzen in unseren Gedankengebäuden durch die wir schauen. Die eigentliche Realität, das, was wirklich wahr ist, ist sehr viel weitläufiger und groß. Da hinaus zu kommen ans Licht und nicht mehr durch diese schmalen Ritzen zu schauen, ist für mich ein Hauptziel des Dialogs. Wir erkunden unsere Annahmen und stellen echte Fragen, keine rhetorischen Fragen, sondern  Fragen, die den Charakter des „Wissen-Wollens“ haben - nicht den Charakter von verkleideten Statements.

Das ist ein Hauptanliegen im Dialog und für die Spiritualität selbst: Die Natur der Dinge zu erkunden.

 

H:

In einem Seminar habe ich mir dazu das folgende Zitat von dir aufgeschrieben: „Dialog ist die Möglichkeit aufzuwachen und sich klar zu machen, dass wir uns die Welt selbst erschaffen. Es ist die Untersuchung unserer Begrenztheiten und der Dinge, die wir noch nicht kennen“.

 

D:

Einer der Väter des Dialoges, David Bohm, hat gesagt: „Das Denken schafft die Welt“…und sagte dann, „ich war´s nicht“. Das heißt, dass alles eigentlich ein Produkt von unserer Vorstellungskraft ist. All das ist ein Produkt unserer Denkweise. Als Beispiel dafür können wir uns einen so genannten „Primitiven aus dem Dschungel“ denken. Wir bringen ihn mit einem Flugzeug nach Frankfurt. Er realisiert das meiste überhaupt nicht, registriert es einfach nicht. Denn seine Vorstellungskraft, seine Augen, seine Neurologie, seine Biologie ist noch nicht so geprägt, dass er es erkennen kann. Wir glauben, dass das, was wir sehen, objektiv so ist. Wir glauben, es ist die objektive Realität, und dass unser Blickwinkel nichts damit zu tun hat. Wir sind aber ein Subjekt, das ein Objekt sieht. Wir sollten verstehen, dass das alles, was um uns ist, durch unser eigenes Anschauen entsteht. Das müssen wir verstehen und durchschauen. Denn wenn wir es erschaffen haben, müssen wir irgendwie die Verantwortung dafür übernehmen.

 

H:

Sich selbst und die Natur der Dinge zu erkunden- sich selbst zu verstehen, in der Getrenntheit der Sichtweisen, aber auch in ihrer Gemeinsamkeit.

 

D:

Ja, das vor allem. Im Dialog stelle ich meine Sichtweise in Frage. Wir sollten alles erkunden und suspendieren: unsere philosophischen Sicherheiten… das, was wir als Wahrheit zu sehen meinen….

 

H:

Ich nenne das auch „Konzepte“:  Ich schaue meine Umgebung durch mein eigenes Konzept an…

 

D:

Das ist auch eine gute Formulierung. Wir schauen die Welt durch unser Konzept, durch unser mentales Modell, durch unsere Linse an und sind uns dessen unbewusst. Wir glauben: „So ist es, so muss es sein“. Dialog ist eine Möglichkeit, aufzuwachen: „Wache auf! Schau mal, was ist! Komme aus deiner Höhle, mach die Tür auf, schau hinaus!“

 

H:

Ich habe gerade ein wenig gestaunt, als du sagtest, im Dialog erleben viele Teilnehmer  Gemeinschaft. Erstmal, so würde ich sagen, erlebe ich Getrenntheit: Ich erlebe meine Gedanken, meine Wahrnehmung, mein Konzept und ich weiß, dass der Andere etwas ganz anderes im Kopf hat, oder die Sache völlig anders sieht.

 

 

D:

Wir glauben oft, dass wir getrennt sind. Wir haben unsere subjektiven Erfahrungen, dass wir getrennt sind. Aber das ist nicht so. Z.B.: Wir sprechen in diesem Interview deutsch. Ich bin so frei, dass ich mir erlaube, meine Sprache deutsch zu nennen. Aber eine Sprache ist ein konventionelles Produkt, ein kulturelles Produkt. Ich muss kommunizieren mit diesem Werkzeug, das ich nicht geschaffen habe, das nicht meins ist. Wenn ich meine eigene Sprache hätte und du deine eigene Sprache, wo wären wir dann? Es gibt große Literatur und große Poesie, wo es dem Dichter gelingt, das Transzendentale anzudeuten- das, was „zwischen den Zeilen“ klingt. Die eigentliche und ewige Wahrheit kann er andeuten, zum Schwingen bringen. Das kann man nicht durch ein Wörterbuch entschlüsseln.

 

 

H: Stimmt!

 

 

D: Das muss man ahnen und spüren - über die Worte hinaus schauen.

 

 

H:

Ein anderes Thema deiner Seminare heißt „Emotionale Kompetenz und Dialog“

Kannst du dazu etwas erläutern?

 

 

D:

Ja, „Emotionale Kompetenz“ ist eine Kapazität, die nicht oft zu finden ist. Diese Fähigkeit bedeutet, die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle zu übernehmen. Meistens, wenn etwas ein Gefühl in uns auslöst, projizieren wir den Grund für unsere Reaktion auf einen Anderen. In unseren Seminaren halten wir uns deshalb an folgende Aussage: Wenn jemand aus der Dialogrunde in dir eine Reaktion auslöst, schau, was das mit dir zu tun haben könnte! Wir fassen das zusammen in dem Satz: „Don´t kill the Messanger, get the Message“, also „Töte nicht den Boten, sondern erkenne die Botschaft, die er überbringt und …nimm sie an“. Sehr oft beurteilen wir Menschen und Dinge, sobald wir eine Reaktion bei uns fühlen. Wir sagen: „Das mag ich, das mag ich nicht, das ist gut, das ist schlecht“. Die Frage aber ist: „Was löst das Gehörte und Erlebte in mir aus?“.

Ein Beispiel: Es kommt jemand zur Tür herein und macht einen lockeren Kommentar. Vielleicht stört dich dieses Statement und du bist aufgebracht und empört. Dagegen könnte es  sein, dass mich das z.B. überhaupt nicht aufgeregt. Ich verstehe nicht, was daran Besonderes oder Verletzendes sein soll. Die unterschiedlichen Gefühle zu kennen, könnte eine Anregung für mich sein, über meine Reaktion nachzudenken. Jeder hat seine eigene Geschichte, die ihn die Dinge sehen lässt. Das heißt, anstatt Andere zu beurteilen und damit die Kommunikation zu blockieren, könnte ich die Verantwortung für meine Reaktion auf mich nehmen und meinen Anteil durcharbeiten. So habe ich die Chance, den Anderen wieder als Menschen zu sehen und nicht nur als Störung oder Angriff.

Gutes Zuhören im Dialog ist eine der zentralen Kompetenzen. Das nennen wir generatives Zuhören. Es bedeutet, zu beobachten, was unsere eigenen Reaktionen sind, wenn wir jemandem zuhören. Ich frage mich dabei: Bewerte ich sofort die Aussagen der anderen Teilnehmer? Entscheide ich sofort: „Das ist Quatsch, was er da redet“ oder: „Das ist langweilig“ oder aber denke ich: „Das ist genauso so einer, wie ich“?

 

H: Ich lerne also etwas über mich, durch mein Gefühl und meine Reaktionen.

 

D:

Paul Watzlawick hat einmal sinngemäß gesagt: „Der Sinn deiner Rede ist zuerst einmal in meiner eigenen Geschichte zu finden“. Ich verknüpfe also das, was du sagst, mit meiner Lebensgeschichte. Ich verdaue es, es geht durch meinen Kopf, mein Gehirn, mein Wesen und meine Gefühle.

Wir haben da z.B. eine Schulklasse: Jeder ist ein anderes Wesen und jeder versteht die Dinge etwas anders. Der Lehrer will aber, dass alle es genau so verstehen, wie er es meint. Er kann die Unterschiedlichkeit nicht nachvollziehen und meint: „Ich hab es doch klar gesagt“. Er echauffiert sich, dabei hat es der ein oder andere nur völlig anders verstanden. Es ist wirklich fast ein Wunder, dass wir überhaupt miteinander klarkommen, denn wir sind so radikal unterschiedliche und subjektive Wesen.

 

Ich habe einmal eine Frage an dich: Wofür möchtest du dieses Interview verwenden?

 

H:

Ich fühle mich seit längerem mit einem pädagogischen Ansatz verbunden, der sich „Mit Kindern wachsen“ nennt. Es geht dabei darum, eine gute tragfähige Beziehung von Erwachsenen zu Kindern zu finden. Die Idee ist, dass der Fokus einer „Pädagogik“ nicht auf einer richtigen oder falschen Technik liegt, sondern dass es um die Stärkung der Beziehung geht und die Suche nach einem guten Kontakt. Dabei sehe ich die Erwachsenen als diejenigen an, die ihr Verhalten reflektieren und variieren können, kleine Kinder dagegen reagieren so, wie sie können. Die Erwachsenen aber können überlegen: Wie habe ich reagiert? Will ich so reagieren? Ist meine Reaktion für eine Festigung der Beziehung hilfreich? Es ist so ähnlich wie das, was du gerade erläutert hast.

 

D: Ich finde, die Dialogprinzipien könnten bei dieser Arbeit ganz nützlich sein.

 

H:

Das ist auch meine Überlegung: Wie und an welcher Stelle würdest du sagen, könnte die Dialogarbeit hilfreich für Eltern mit ihren Kindern sein?

 

D:

Da sind z.B. die Kernfähigkeiten im Dialog. Eine heißt: Nimm die Haltung eines Lernenden an. Das ist auch gegenüber einem heranwachsenden, jungen Menschen ganz wichtig. Der Erwachsene sucht eine lernende Haltung einzunehmen, nicht diese oft zu findende Besserwisserei. Der Erwachsene weiß doch: Du bist ein Kind, du verstehst von vielen Dingen noch nichts. Der Erwachsene kann seine Haltung ausrichten und von diesem Kind lernen wollen. Aus der Beziehung zueinander lerne ich viel über mich und über dich. Bei dieser Haltung kommt es nicht so sehr auf die Worte an. Wenn das Kind spürt, dass das Gegenüber wirklich neugierig ist auf das, was das Kind sagt, dass das Kind respektiert wird, dann spürt es das. Der Erwachsene hört dem Kind „echt“ zu (generatives Zuhören), aber viele Erwachsene haben überhaupt keine Ahnung davon.

Wenn dir jemand wirklich zuhört, spürst du das, als Erwachsener oder als Kind. Du findest einen Bezug zu dem Thema eures Gesprächs. Du findest neue Einsichten. Ein echter Zuhörer ist so neugierig, dass er Zugänge zu Wissensquellen, die in dir sind, stimuliert, die du sonst gar nicht finden würdest. Wenn du mit jemandem sprichst und du hast das Gefühl, dass er sich langweilt oder sehr skeptisch ist, dann bleibst du ziemlich an der Oberfläche von dem, was du sagen könntest. Aber wenn du spürst, dass jemand wirklich interessiert ist und hören möchte, was du zu sagen hast, dann findest du Zugang zu Quellen in dir, die du sonst nicht finden würdest. Das kannst du auch mit einem Kind machen.

Das sind die Kernfähigkeiten: Lerne eine lernende Haltung, radikalen Respekt, generatives Zuhören, offen zu sein dem Kind gegenüber. Ein Kind spürt, ob du offen gegenüber seiner Andersartigkeit und seinem Wesen bist. Es spürt, ob du gerade nicht verlangst, dass es anders ist, als es ist. Es spürt Akzeptanz, die ein Teil vom radikalen Respekt ist. Es spürt, ob du eine erkundende Haltung einnehmen kannst, ob du neugierig bist und seine Welt verstehen möchtest, ob du zu Besuch in seiner Welt sein möchtest. Das ist für die meisten Menschen und vor allem für Kinder ein seltenes Erlebnis. Das sind dialogische Kernkompetenzen.

 

Die meisten Menschen, die den Dialog praktizieren, möchten diesen Ansatz vertiefen. Das Klima in einer Dialogrunde ist so fördernd, so akzeptierend, so wahrhaftig und echt, dass viele Menschen sagen, dass sie das so in ihrem Leben nicht kennen, nicht am Arbeitsplatz und nicht zu Hause, auch in Familien ist es nicht oft vorhanden. Wir sind von ziemlich negativen Mustern umgeben. Dialog dagegen hat eine heilende Kraft.

 

 

H:

Du hast in einem Seminar einmal gesagt, dass es unterschiedliche Energiefelder gibt. Man könne im Dialog an einer positiven Energie arbeiten. Wie hast du das gemeint?

 

 

D:

Es gibt viele Menschen, die wahrscheinlich skeptisch gegenüber dem Gebrauch der Vokabel „Energiefeld“ in menschlichen Beziehungen sind. Man kann die Realität von Energiefeldern aber durch so viele Dinge belegen. Dieser Gedanke ist inzwischen „common sense“.

Ein Beispiel: Du gehst zu deinen Kollegen in eine Sitzung. Du spürst die Qualität der Energie im Raum. Vielleicht gibt es eine schwere, drückende Stimmung. Vielleicht ist eine Nervosität vorhanden. An einem anderen Tag kommst du zu einer anderen Sitzung, wo die Stimmung spürbar positiver ist. Vielleicht ist der Leiter der Sitzung offen, wirkt einladend, hat eine positive Ausstrahlung.

 

 

Es gibt dieses berühmte Experiment von Rosenthal. Es heißt das „Pygmalien Experiment“. Dieses Experiment ist mehrfach durchgeführt worden und hat immer dieselben Resultate gezeigt: Die Forscher nahmen z.B. drei zweite Klassen mit dem gleichen Wissens- und Intelligenzprofil. Am Anfang eines Schuljahres sagten sie den Lehrern aber, dass die Klassen einen unterschiedlichen Wissens- und Intelligenzstand hätten. Am Ende des Jahres maßen sie die Intelligenz der Schüler erneut. Die Resultate glichen den Vorhersagen und Erwartungen der Lehrer. Obwohl die Forscher nur sagten, dass es Begabte, Normale und Unbegabte sind, hatten die Erwartungshaltung und das Energiefeld in den Klassenzimmern die Resultate produziert.

 

 

Ein weiters Beispiel: Es gibt einen Film, wo ein Chef in das Büro seiner Sekretärin kommt. Er ist sehr streng, unfreundlich und fast drohend ihr gegenüber. Er sagt, dass ihr Brief an Herrn XY drei Fehler habe und dies so nicht mehr vorkommen dürfe. Er verlangt, bis 17 Uhr einen korrigierten Brief zu bekommen, sonst sei ihre Probezeit beendet. Man sieht darauf, welche Wirkung seine Aussage auf die Sekretärin hat: Sie wird nervös, wird klein, zieht sich in sich zusammen und muss diesen Brief noch 5-10 Mal neu schreiben, weil sie immer wieder Fehler macht.

Es gibt eine weitere Sequenz, wo ein anderer Vorgesetzter zu seiner Sekretärin geht und sagt, dass die drei Fehler in ihrem Brief noch zu entschuldigen sind, da sie neu an der Stelle sei. Er sei sich sicher, dass sie die Fehler nicht mehr mache, wenn sie länger dort sei und einen besseren Durchblick habe. Er wäre sehr dankbar, wenn er diesen Brief korrigiert am Nachmittag noch einmal vorgelegt bekäme. Die Situation läuft natürlich ganz anders ab. Die Einstellung dieser Chefs zeigt die Macht der Suggestion. Unsere Einstellungen durchdringen alle Ebenen.

 

Die Fähigkeit, sich unserer Einstellung bewusst zu sein, ist das, was wir auch im Dialog praktizieren. Ich kann mir vorstellen, das dass auch in deinem Projekt von Relevanz ist. Wie ich z.B. subtile Botschaften sende, wenn wir hier zusammen sitzen, ist ganz entscheidend. Ich könnte ab und an von dir weg sehen und du würdest spüren, dass ich eigentlich wenig Interesse an dir hätte. Das würde eine ganze Palette von Reaktionen in dir auslösen: Du würdest unzufrieden, wütend, beleidigt, unsicher oder ängstlich werden - nur durch die nonverbalen Botschaften, die ich ausstrahle. Wir haben die Möglichkeit, für unsere Botschaften, zumindest zum großen Teil, Verantwortung zu tragen. Wir sollten uns nicht wundern, wenn die Resultate gut oder schlecht sind. Wenn wir verstehen könnten, dass wir eine Person durch eine positive Energie erreichen können, haben wir schon viel gewonnen. Unsere Ausstrahlungen sind wirklich potent. Sie werden im Dialog kultiviert.

Die Dialogprozessbegleiter werden in der Ausbildung aufgefordert, eine positive und offene Einstellung zu entwickeln. Man kann diese Einstellung nicht künstlich und auf Kommando ausstrahlen, aber man kann üben, sie zu entwickeln. Wenn du dich langweilst, keine Lust, keine Energie und kein Interesse hast, solltest du keine Gruppe begleiten. Wir können aber immer an den vielen „Ausstrahlungsbotschaften“, an den Dimensionen unseres Seins, arbeiten. Auf die kommt es viel mehr an, als auf die eigentlichen Worte.

 

 

H:

Also auch gegenüber den Kindern, die den Inhalt unserer Worte weniger verstehen, aber mehr wahrnehmen, was wir nonverbal mitteilen.

 

D:

Aber das klingt nach einem wunderbaren Projekt, was du da machst.

 

 

H:

Ja, mir und meiner Familie hat dieser Ansatz sehr geholfen, in einem guten Kontakt miteinander zu bleiben. Heute, wenn es Auseinandersetzungen mit meiner pubertierenden Tochter gibt, habe ich das Gefühl, dass die Vorgeschichte unserer Beziehung schon sehr wichtig ist. Ich denke, dass schon vorher festgelegt wird, ob es einen Kontakt in der Beziehung gibt, damit die „Wellen“ in dieser Zeit aufgefangen werden können. Da habe ich zurzeit ein gutes Gefühl.

 

 

D:

Das ist schön, wenn ein Elternteil, welches sein Kind in der Pubertät begleitet, sagen kann, dass es ein gutes Gefühl hat.

 

 

H:

Vielleicht liegt das auch an meiner Erwartung. Ich hatte erwartet, dass es noch schlimmer werden könnte. Ich hatte auch schon einige „Kämpfe“ mit den Kindern ausgefochten. Ich habe mich oft sehr getrennt gefühlt. Mein inneres Konzept, meine Erwartung war „gemeinsam zu sein“, sich zusammen zu fühlen. Ich habe aber immer wieder Getrenntheit erlebt. Es war ein langer Weg für mich zu lernen, es nicht negativ zu sehen und zu akzeptieren, dass wir ganz unterschiedliche Menschen sind. In diesem getrennten Gefühl  trotzdem nach Begegnungen zu suchen, war nicht leicht.

 

 

 

D:

Für mich ist Empathie sehr wichtig, mit der du zeigen kannst, dass du deine Kinder in ihrer Situation verstehst; dass du für ihre Problematik und ihre Gefühle Verständnis hast, auch wenn du anders denkst und nicht einverstanden bist. Aber du kannst dich in ihre Situation hinein begeben und deine eigene Auffassung wenigstens eine zeitlang beiseite schieben.

 

H:

Es ist schwierig, aber es geht.

 

D:

Das ist eine hohe Kunst. Der empathische Kontakt ist ein großes Geschenk, wenn ich das Gefühl habe, dass du meine Situation verstehst, auch wenn du das nicht billigst. Die meisten Teenager sagen: „Meine Eltern verstehen mich nicht“. Durch Empathie können wir zeigen, dass wir Verständnis haben.

 

H:

Was du beschreibst, wird in der „Mit Kindern wachsen“ Arbeit benannt als ein: „sich gefühlt zu fühlen“. Es ist eine innere Haltung, an der ich arbeiten kann. Ich versuche zu vermitteln, dass ich dich in deinem Gefühl verstehe, so dass du dich bei mir geborgen fühlen kannst.

 

D:

Es ist fantastisch, sich gefühlt und verstanden zu fühlen, sich gesehen und gehört zu fühlen. Alle Aspekte sind wichtig.

 

 

H:

Es gibt verschiedene Quellen, aus der sich die Arbeit, die ich mache, speist. Eine nennt sich „Achtsamkeitspraxis“, was seine Wurzeln in der buddhistischen Tradition hat. Es gibt auch Quellen in der Gestaltarbeit nach Fritz Pearls. Dort wird das Wort „awareness“ benutzt, wo es um das Präsentsein im bestehenden Augenblick geht: Das meint nicht zu werten, sondern einfach zu sagen: „Das Gefühl, was ich jetzt spüre, ist so, wie es ist. Ich nehme es wahr, ohne es zu beurteilen“. Der erste Schritt ist, dass ich es erstmal wahrnehme. Dann ist vielleicht der nächste Schritt zu erkennen, dass es ist, wie es ist. Ich muss es nicht gut oder schlecht machen oder anders haben wollen.

 

D:

Diese Kapazität wird auch im Dialog trainiert. Denn das nennen wir „Beobachte den Beobachter“. Das ist eine weitere Kernkompetenz. Es ist eine wichtige Fähigkeit, diese beobachtende Funktion zu üben. Ich kann dabei merken, dass ich einen Schritt von meiner automatischen Reaktion zurück machen kann. Es entsteht ein Moment der Reflexion in mir. Ich erkenne vielleicht, dass ich gerade meine Tochter beurteile. Das zu bemerken, ist der allererste und wichtigste Schritt. Wenn ich das nicht wahrnehme, werde ich automatisch reagieren und es spielen sich die alten Sequenzen immer wieder ab. Aber wenn ich es bemerken kann, dann habe ich die Möglichkeit anders zu reagieren. Das meine ich mit „Beobachtetes Denken“: Wenn ich in meinem Denken und Urteilen gefangen bleibe, identifiziere ich mich durch diese Brille. Ich sehe dich so, wie es meine Brille mir vorgibt: z.B. dass du unzuverlässig bist. Aber wenn ich erkenne, dass mein Blick durch diese, meine Brille gefangen war, kann ich sie abnehmen und es vielleicht anders sehen. Das ist nicht mehr dasselbe Denken. Krishnamurti und Bohm sagen: „Beobachtetes Denken wandelt sich“. Es ist eine Meditationstechnik die in vielen Traditionen gelehrt wird: „Sitzen und den Gedankenfluss beobachten“. Das allein zu üben, ändert sehr viel. Man braucht nicht aktiv zu sein, sondern nur zu beobachten, denn beobachtetes Denken verwandelt sich, es bleibt nicht dasselbe. Wenn ich meine Gefühle anschaue, ist das nicht dasselbe, als wenn ich sie auslebe. Wenn ich meinen Reaktionswunsch erkenne und sage: „Aha, da habe ich wieder Wut“, dann ist das ein anderes Erlebnis, als wenn ich reagiere und meine Wut herausschleudere.

 

 

H:

Du hast gerade davon gesprochen, den „Beobachter zu beobachten“. An dieser Stelle gibt es einen Aspekt, der immer wieder auftaucht: Es gibt für mich einen inneren „kritischen Beobachter“. Ich erlebe es häufig, dass ich mich beobachtet und dann selbst bewertet habe. Ich habe mir vorgeworfen, dass ich es anders oder besser machen sollte. Da kam dann eine Strenge und Aggression gegen mich selbst auf. Diese Selbstkritik konnte ich erkennen, aber nicht abstellen. Erst die Beschäftigung mit dem Begriff „Herzensgüte“, also liebevoll mit mir selbst und anderen zu sein, hat mir eine neue Perspektive eröffnet. Meinen Beobachter zu beobachten, heißt für mich, mich auch liebevoll so anzunehmen, wie ich bin. Es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt liebevoll mit meinen Kindern oder anderen Menschen zu sein.

 

 

D:

Diese Art des Kritikers ist sehr ausgeprägt und fast in uns allen vorhanden.

Es gibt in jedem von uns ein eigenes so genanntes „inneres Kind“, den „kleinen Jungen“, der erstmal von seinen Eltern und seiner Umgebung kritisiert wurde und diese Kritik internalisieren musste, um die Kritik unter Kontrolle zu haben. Denn wenn er dies nicht getan hätte, hätte er gelitten. Wenn deine Mutter oder dein Vater gesagt haben: „Du machst dies oder jenes oder ich werde dich bestrafen“, hast du gelernt, das zu machen und zu gehorchen, denn du hattest keine andere Wahl; es war eine Überlebensfrage. Denn hättest du es nicht so gemacht, wärest du bestraft worden, es hätte vielleicht Liebesentzug gegeben. So hast du gelernt, zu gehorchen. Um sicher zu sein, dass du diese Konsequenzen nicht erleiden würdest, hast du deinen eigenen, inneren Vater, deine innere Mutter entwickelt, zu deinem inneren Kritiker. Dein innerer Kritiker sicherte dich ab, so dass dein Vater und deine Mutter dich nicht mehr kritisieren mussten. Du kritisiertest dich selbst, du warst der „gute Junge“ und sie konnten dich in Ruhe lassen. Du zahltest natürlich einen hohen Preis. Das ist eine stark wirkende innere Struktur… und wir geben sie an unsere eigenen Kinder weiter.  Nur wenn du dieses Muster durchschaust, in der Arbeit, die du machst, und diesen negativen Kritiker erwischt, kann die Verwandlung beginnen. Dann hast du neue Möglichkeiten: du kannst anders mit dir selbst und somit auch anders mit deinen Kindern umgehen. Ich freue mich für dich, wenn das gelingt. Viele Menschen kommen nie zu diesem Punkt.

 

 

 

H:

Ich habe in meinen Seminarnotizen nachgelesen, dass du betonst, es sei ein Unterschied, diese Dinge mit dem Verstand zu erfassen oder sie wirklich von Herzen täglich zu leben. Es gibt im Alltag immer wieder ein Zurückfallen, in die nicht dialogischen Umgangsformen, in die alten Verhaltensmuster. Es ist sehr schwer, dann liebevoll mit sich selbst zu sein und zu sagen: „Ok, ich versuche es wieder neu…“.

 

D:

Wenn du Tennis oder Klavier spielen möchtest, musst du viele Fehler machen und wieder von vorn anfangen. Gute Beziehungen zu pflegen, ist eine hohe Kunst. Du wirst Fehler machen, Rückfälle haben und du wirst auch wunderbare Erfolge und Momente haben, die alles wertvoll machen. Ich sehe, du erlebst das schon zum Teil.

 

H:

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

 

 

 

 

 

Freeman Dhority, Ph. D., Mitbegründer des Dialogue- Project am MIT in Zusammenarbeit mit Peter Senge; bis 1995 Inhaber des Lehrstuhls für Kritisches Denken an der University of Massachusetts in Boston. Seit 1999 arbeitet er zusammen mit Steffi Dobkowitz an der Weiterentwicklung des Dialogprozesses, wobei es vor allem um die Integration der emotionalen Kompetenz geht.

 

 

Benedikt Hommel, Diplom Sozialpädagoge; seit 1996 in der Beratung und Begleitung von suchtkranken Menschen tätig; Vater von drei Kindern; von 2004 -2009 regelmäßige Fortbildungen zum Thema „Achtsame Elternschaft“ und gestaltorientierte Elternberatung bei Lienhard Valentin (Mit Kindern wachsen e.V.) und Katharina Martin (Institut für essentielle Gestaltarbeit); 2011 Ausbildung zum Dialogprozessbegleiter bei Johannes Schopp und Kirsten Grabowsky